Story: Kim Seung-keun (Jeong Jae-yeong) hat seinen Job verloren, einen immensen Berg an Schulden und eine
Freundin, die nichts mehr von ihm wissen will. Für Kim gibt es nur eine Lösung: Selbstmord. Er springt von der
Brücke des Han-Flusses, überlebt aber und wird auf die Bam Insel gespült, eine Insel, die sich unter der Brücke
des Flusses befindet und somit eigentlich direkt in der Großstadt Seoul liegt. Dennoch ist er dort von der
Außenwelt abgeschnitten. Nach anfänglichen erfolglosen Versuchen vorbeifahrende Schiffe auf sich aufmerksam
zu machen, beschließt er auf der Insel ein einsiedlerisches Leben zu führen und die Probleme der Großstadt
hinter sich zu lassen.
Seung-keun bleibt allerdings nicht unbeobachtet, denn das Mädchen Kim Jeong-yeon (Jeong Ryeo-won) verfolgt
sein Leben mit einem Kameraobjektiv von ihrem Fenster aus. Jeong-yeon lebt schon seit drei Jahren zurückgezogen, ohne
jemals ihr Zimmer zu verlassen, betreibt ein paar Fake-Blog Seiten und hat einen durchstrukturierten Tagesablauf,
den sie durch nichts stören lässt. Doch als ihr neuestes Forschungsobjekt Seung-keun, den sie anfangs für
ein Alien hält, langsam seinen Lebensstil ändert, beginnt auch sie einen Wandel durchzumachen.
Kritik: Etwas enttäuscht vom koreanischen Filmjahr 2009 machte ich mich auf die Suche nach ein paar guten
Filmen. "Castaway on the Moon" war nur mehr eine Randnotiz gewesen, dennoch fand er zufällig den
Weg in meinen DVD-Player und stellt bis dato den koreanischen Überaschungsfilm des Jahres dar. Überaschungshit
kann man leider nicht sagen, da der Film an den koreanischen Kinokassen floppte, aber das zeigt nur einmal mehr,
wie wenig die Mehrheit der Kinogänger gute Filme zu schätzen weiß. Obwohl man zugeben muss, dass "Castaway on the Moon"
seinen ganz eigenen Charme hat. Eine ungewöhnliche Komödie, der kein Humor zu schräg ist und die das Thema der
Isolation und Einsamkeit in der Großstadt beleuchtet. Ein Film also, der durchaus auch seine melodramatischen
Momente bereithält, diese aber mit viel Herz und eben auch Humor transportiert.
Allein die Prämisse des Films hört sich schon abgedreht an. Ein Mann strandet auf einer Insel, die sich mitten
in Seoul befindet! Seung-keun hat es im Leben nicht weit gebracht, es scheint gar so, als wenn alles,
was er anfässt, den Bach runtergehen würde. Kein Wunder also, dass er es noch nicht einmal schafft, sich selbst
umzubringen. Natürlich versucht er es auf der Insel erneut, allerdings hat er ein paar Verdauungsprobleme, die
ihn von seinem Vorhaben abbringen. Also beschließt er, sich ein neues Leben auf der Insel aufzubauen. Anfangs
stellt er sich zwar etwas ungeschickt an, aber mit der Zeit beweist er, dass er auf sich alleine gestellt gar
nicht so unfähig ist. Er nutzt die Gegenstände, die vom Fluss auf die Insel gespült werden und ist irgendwann
sogar in der Lage, Fische und Vögel für sein Mittagessen zu fangen. Auf dieser kleinen Insel ist ein Verlierer
innerhalb des gesellschaftlichen Systems plötzlich jemand, der durchaus in der Lage ist, zu überleben.
Seine Botschaft übermittelt der Film dabei auf recht abstruse und witzige Art. Ein Päckchen mit schwarzer Bohnenpaste,
das auf die Insel gespült wurde, symbolisiert für Seung-keun Hoffnung. Er hat nämlich keine Nudeln und so muss er
sich diese selbst machen. Doch woher die Saat für das Anbauen von Getreide bekommen? Man wird erstaunt sein,
wie erfinderisch unser kleiner
Robinson plötzlich wird, als es darum geht zu beweisen, dass er durchaus in der Lage ist, ein Leben zu führen. Besser als
all die reichen Geschäftsmänner in der Stadt, deren goldene Kreditkarten von Seung-keun für einen ziemlich ekligen
Zweck missbraucht werden. Seung-keuns selbsterwählte Isolation wird nur allzu verständlich, denn auf seiner
Insel ist er frei von all der Falschheit und hat nicht mehr das Gefühl in einer Ellenbogengesellschaft das
Schlusslicht darzustellen. Jeong Jae-yeong schafft es nach Filmen wie "Someone Special" und "Going by the Book"
erneut in einem Film der besonderen Art mitzuspielen und dabei eine überragende schauspielerische Leistung an den
Tag zu legen. Gerade, die emotionalen Szenen, kann man ohne große Erklärung durch Worte dank seines Schauspiels
verstehen. Wir können einfach mit ihm mit fühlen, obwohl hier und da natürlich auch einige Voiceovers zum Verständnis
beitragen.
Der zweite Storyfaden involviert Kim Jeong-yeon, ein Mädchen, das sich seit Jahren in ihr Zimmer einschließt und
von ihrer Mutter ohne ein Wort der Klage mit allem nötigen versorgt wird. Warum sie so lebt, erfahren wir nicht,
aber so verhält es sich auch mit Seung-keun. Wir bekommen bestenfalls Andeutungen, die allerdings ohne Weiteres
ausreichen, um unsere eigenen Schlüsse ziehen zu können. Jeong-yeon z.B. hat eine Brandwunde auf der Stirn,
die sie wahrscheinlich Menschen meiden und im Internet andere Identitäten annehmen lässt. Eines ihrer
Hobbys ist es auch den Mond durch ein Objektiv zu beobachten. Der Mond symbolisiert natürlich die Sehnsucht, Jeong-yeon
sagt aber selbst, dass sie den Mond so mag, weil es dort keine Menschen gibt.
Jeong Ryeo-won ("Two Faces of my Girlfriend", "My Name is Kim Sam-soon") gibt eine sehr introvertierte und gelungene
Darstellung ab. Man sieht ihr gar nicht an, dass sie einmal der K-Pop Girlgroup Chakra angehörte. Sie ist eine
ernst zu nehmende Schauspielerin geworden, die es genauso wie Jeong Jae-yeong schafft, die emotionalen Momente
durch subtiles Schauspiel zu tragen.
Jeong-yeons Zimmer ist immer abgedunkelt und wenn sie nach draußen schaut, dann immer durch die Sonnenblende
eines Motorradhelms, damit das Licht der Welt nicht in sie eindringt. Anstatt eines solchen Helms hätte es natürlich
auch eine Sonnenbrille getan, aber es sind genau diese abstrusen Feinheiten, die den Film so lustig und besonders machen.
Seung-keun und Jeong-yeon teilen das Gefühl der Isolation und Einsamkeit, auch wenn sie unterschiedliche Wege in unterschiedliche
Situationen geführt haben. Diese zwei Menschen beginnen langsam miteinander zu kommunizieren. Robinson durch Buchstaben, die
er in den Sand schreibt und das Mädchen durch Flaschenpost. Interessant ist hierbei, dass die beiden auf Englisch miteinander
kommunizieren. Auch hier darf interpretiert werden. Jedenfalls baut sich zwischen den beiden eine Beziehung auf, auch wenn sie
sich niemals zu sehen bekommen. Eine Romanze darf man das durchaus nennen, aber eben ohne den ganzen kitschigen Rest.
Nur gegen Ende gibt es einen kleinen Bruch in der Atmosphäre, da die überwiegend abgedreht lustige Stimmung des Films
durch ein klein wenig Drama gestört wird. Allzu schlimm ist das aber nicht und vor allem deshalb ohne Weiteres erträglich,
weil die Auflösung des Films, auch wenn sie zuerst etwas plötzlich erscheint, sehr versöhnlich stimmt.
Regisseur Lee Hae-jun, der zuvor mit seinem Bruder "Like a Virgin" gedreht hat, schafft in seinem eigentlichen Debütwerk
einen erstaunlich tiefgründigen Film, der zwar ein paar kleinere Längen hat, Lee liebt es nämlich die Emotionen der
Charaktere in langen Aufnahmen festzuhalten, aber diese fallen beim großartigen Rest kaum auf. Vor allem die Bilder
wirken in dem Film enorm auf den Zuschauer ein. Eine warme Helligkeit durchzieht jede Szene, die an Filme wie "Love Letter"
erinnert und ein ähnliches Gefühl der Geborgenheit und Sehnsucht hervorruft. "Castaway on the Moon" mag sich nach dieser
Kritik vielleicht überwiegend nach einem Drama anhören, in seinem Kern ist er das auch zweifellos, aber eigentlich ist es
der erfrischende Humor, der den Film so besonders macht. Natürlich mangelt es ihm dabei auch nicht an Anspielungen auf
Robert Zemeckis "Cast Away".
Da diese originelle Komödie einfach mehr Aufmerksamkeit verdient hat
und mich ein Film nach langer Durststrecke endlich wieder begeistern konnte, bin ich auch gerne bereit etwas großzügiger
bei der Punktevergabe zu sein. "Castaway on the Moon" ist auf jeden Fall ein Film, den sich Freunde des etwas anderen Humors
und all jene, die sich irgendwann schon einmal von der Gesellschaft isoliert gefühlt haben, anschauen sollten. Also eigentlich
ein Film für jeden!