Story: Eine alleinstehende Mutter (Jang Young-nam) muss eines Tages etwas länger bei einer Besprechung bleiben und kann ihre Tochter (Lee
Jae-hee) nicht rechtzeitig von der Schule abholen. Das kleine Mädchen geht alleine nach Hause und wird von einem Mann (Hwang Tae-gwang) in seinem Wagen
mitgenommen. Bei sich zuhause vergewaltigt er dann das Mädchen und setzt sie anschließend auf der Straße aus. Die Mutter, die von allen nur "Azooma" genannt
wird, hat bereits eine Vermisstenanzeige aufgeben wollen, doch die Polizei erwies sich als wenig hilfsbereit. Jetzt, da sie ihre Tochter ins Krankenhaus
gebracht hat, macht sie Detective Ma (Ma Dong-seok) Druck, dass er den Vergewaltiger findet. Dieser zeigt sich jedoch wenig kooperativ und meint, dass er nicht
genügend Beweise für einen Fall habe. Es bleibt also an "Azooma" den Täter zu finden. Doch selbst als sie diesen der Polizei liefern kann, lässt diese ihn durch
ihre Unfähigkeit wieder entkommen. "Azooma" ist verzweifelt, denn auch ihr Ex-Ehemann (Bae Seong-woo), ein prominenter Zahnarzt, ist ihr keine Hilfe und will
den Fall lieber geheimhalten, da er fürchtet, dass sonst sein Image Schaden nehmen könnte. Es scheint, als müsste "Azooma" Selbstjustiz üben, wenn sie noch
Gerechtigkeit will...
Kritik: Manche Filme sind einfach prädestiniert, von den Kritikern hochgelobt zu werden. "Azooma" ist wegen seines Themas ein solcher Film,
denn wie kann man bei dieser offenkundigen Gesellschaftskritik, die in eine Rachegeschichte gerahmt ist, etwas anderes als positive Worte finden? Vielleicht
indem man allen Gutwillen einmal beiseite schiebt und sich die nicht wenigen Verfehlungen des Krimi-Dramas ansieht. Da wäre zum einen eine extrem minimalistische
Geschichte, die durch ein paar Kunstgriffe aufgebauscht wird, und eine Protagonistin, die anfangs einfach nervtötend ist. Das mag zwar beabsichtigt
sein, verhindert aber trotzdem nicht, dass man an etlichen Stellen über die "Azooma" die Augen verdrehen muss. Denn was anderes kann man bei einer "Azooma" sonst
machen? Ihre hysterische, hilflose Art raubt einem manchmal den letzten Nerv, mag es auch im Dienste der Geschichte sein.
Für all jene, die es nicht wissen: Eine Azooma (oder Ajumma) ist die Bezeichnung für eine verheiratete Frau mittleren Alters mit eventuell Kindern. Eigentlich
eine höfliche Bezeichnung, wird das Wort heutzutage vor allem abwertend gebraucht, insbesondere wenn damit eine jüngere Frau angesprochen wird. Das typische Bild
einer Azooma ist das einer Frau mit Dauerwelle, weit geschnittenen Stoffhosen und Gummischuhen an den Füßen, die den ganzen Tag herumkeift und mit ihrer
aufdringlichen, lauten Art die Leute zur Weißglut bringt. Dementsprechend ist es bezeichnend, dass die Protagonistin im Film genau so angesprochen wird und
wir auch nicht ihren richtigen Namen erfahren. Selbstverständlich ist die "Azooma" keineswegs eine Frau unterer Klasse, doch die Gesellschaft verhält
sich ihr gegenüber so. Hier beginnt auch die Kritik an der patriarchalisch ausgerichteten koreanischen Gesellschaft.
Im Gegensatz zu manch anderem Kritiker bin ich aber nicht von der Art überzeugt, wie diese Gesellschaftskritik präsentiert wird. Dass die Heldin der Geschichte
von niemandem erstgenommen wird und sich als Teil in einem System wiederfindet, das ihr keine dem Mann gleichwertige Rolle einer Frau zugesteht, ist extrem
frustrierend transportiert und soll es auch sein. Bis hierhin ist alles in Ordnung. Dummerweise verhält sich die Protagonistin aber genauso wie eine Azooma.
Sie schreit hysterisch herum, als die Polizei sie und den Vergewaltiger vor sich hat, und fängt auch noch an um sich schlagen. Gut, die Polizei wird als
vollkommen überfordert dargestellt, aber zumindest in dieser Situation kann man ihr keinen Vorwurf machen, da selbst nach mehrmaligem Nachfragen keine
vernünftige Antwort aus der Frau herauszubekommen ist, wie sich denn nun eigentlich die Situation darstellt. Sie hätte doch wirklich nur ein paar grobe Fakten
liefern müssen...
Ebenso bin ich nicht überzeugt davon, wie die Polizei dargestellt wird. Zu plump sind die Ausreden, warum der Fall nicht ordentlich bearbeitet wird, und zu
karikiert wirken die Ermittler. Dass einer der Polizisten mitten bei der Aufnahme eines Verbrechens seinem Kollegen sagt, er solle doch mal beim Lieferservice
anrufen, warum das denn so lange dauert, könnte in einem anderen Film eine humoristische Note haben, hier ist es jedoch nur ein billiger Versuch zu zeigen,
dass man sich für die Not der Heldin nicht interessiert, weil sie ein Mensch zweiter Klasse ist.
Jang Young-Nam ("Ode to My Father", "A Werewolf Boy") ist hier in ihrer ersten Hauptrolle
zu sehen, wobei sie schon viel Erfahrung in Nebenrollen als Mutter hat. Ganz klar nutzt sie die Gelegenheit, um zu zeigen, was schauspielerisch in ihr steckt.
Dafür hat sie auch einige Preise erhalten. Wenn das Drehbuch nur ihren Charakter zu Anfang nicht so klischeehaft gestaltet hätte...
Außer Ma Dong-seok ("Chronicles of Evil", "The Five"), der seiner Rolle noch einiges an Farbe verleihen kann, verblasst der Rest aber. Von der Protagonistin einmal abgesehen, mangelt es den Charakteren an psychologischer Tiefe. Die Geschichte selbst wird durch Rückblenden erzählt, wobei sich manchmal auch zwei Zeitebenen überlagern können, und es ist gerade dem Schnitt zu verdanken, dass die Geschehnisse oft flotter wirken, als sie es sind. Mit 75 Minuten ist "Azooma" aber auch kein langer Streifen. Auf technischer Ebene sieht man der Mischung aus TV-Drama Look und Art-House Kameragewackel an, dass nicht viel Geld zur Verfügung stand. Die Gesellschaftskritik (der Originaltitel des Films lautet ironisch "Eine faire Gesellschaft") ist sehr offensichtlich, doch fragt man sich dann umso mehr, was das Finale mit seiner äußerst graphischen Gewaltdarstellung soll. Dieses wirkt wie ein Fremdkörper und stellt noch ein zusätzliches Element dar, das dem Film unnötig schadet.